Und was
würdest
du tun, wenn du nur noch einen Tag zu leben hättest? Ich würde ein Buch schreiben. Jawohl das würde ich! Einfach, weil ich genug gelesen
hätte, genug erfahren, erlebt, gesehen und probiert. Und das, obwohl ich mit
meinen 25 Jahren genauso alt wäre wie alle anderen 25-Jährigen und ein
genauso verwöhntes bafögbeziehendes Wohlstandskind ohne wahre Bildung wäre. Ich hätte zwar immernoch keine Ahnung von Literaturgeschichte,
geschweige denn von Geschichte, bis
auf ein paar Schlachten aus der islamischen Frühzeit, über die ich
detailreich und völlig emotionslos (so wie es der trockene
Geschichtsunterricht an Berliner Universitäten gebietet) berichten könnte. Meine
Nächte hätte ich genauso sinnerfüllt in teuren Plagiaten der 20er Jahre
Kneipen verbracht wie alle anderen Millennials, hätte mir genauso viel
auf meine hoch-intellektuellen, ausdauernden Hipster
Diskussionen eingebildet und genauso viel Rotwein aus Eimern gesoffen.
All das wäre jedoch völlig bedeutungslos, denn ich würde ja einfach die
Wut aus mir herausschreiben, die mir seit meiner Geburt den Magen
verätzt. Ich würde einen Schrei schreiben, so laut dass Pierre Vogel im
selben Moment von seiner selbstgebauten Pappkanzel in die düstere
Finsternis Kölscher Aufklärung stürzen würde. Und mit ihm eine ganze
Generation verzweifelter Pro- und Antisarazenen. Wegschreien würde ich
sie! Durch stinkenden Psalmendunst würde er fallen, der aufsteigt aus
minaretthohen Giftkelchen entlang von fratzenbemalten Höhlenwänden voll tollwütiger
Großayatollahs mit geflochtenen Bärten aus den gespaltenen Zungen erfrorener Exegeten. Sanft und
zufrieden würde er dann von seinen Engels-Flügeln aus vergilbten
Koranseiten durch
die behagliche Dunkelheit gottgewollter Unmündigkeit getragen, gefolgt
von seinen hunderten flügellosen Schafen, um schließlich
alle stoned vom inhalierten Nebel der Heuchelei in Reih und Glied vom erbarmungslosen Felsen
der Vernunft aufgespießt ins nicht existente Jenseits zu verschwinden.
Erscheint dem Leser das konstruiert? Nun, ich würde in Anbetracht der
Kürze meiner verbleibenden Zeit wohl nicht dazu kommen einen ausgefeilten Stil zu
entwickeln, geschweige denn auf Inhalt und Form zu achten wie es mich
fünf Jahre strengwissenschaftlichen Schreibens gelehrt haben sollten. Ein
Affront gegen die waltende Perfektionsismuswut all jener genialen
Schriftsteller, die ich ja ohnehin nicht kenne.
Die Geschichte beginnt.
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